Es war an einem herrlichen Sonntagmorgen im März 1945, als mein rund 10 Jahre älterer Freund Molli (Hans Mollekopf, ein Onkel von unserem Harry Mollekopf) und ich mit dem ersten Frühzug nach Schwanden, Kanton Glarus, fuhren, um mit den Skis bis zur Kärpf-Lücke aufzusteigen und dann die herrliche Abfahrt bis hinunter ins Tal zu geniessen.
In der Regel wird diese Tour in zwei Tagen – Übernachtung in der Leglerhütte – absolviert, doch für uns – gut trainierte Tourenfahrer – kein Problem.

Im ersten Teil des Aufstiegs – eine steile Abkürzung im Wald bis zur Hütte im Kies – mussten wir die Skis tragen. Erst ab diesem Punkt konnten wir mit den Steigfellen bis zur Leglerhütte aufsteigen, wo wir den Durst stillen konnten und unseren Znüni assen.
Das letzte Teilstück bis zur Kärpf-Lücke schafften wir in rund 1 ½ Stunden, genossen ein reichliches Mittagessen aus dem Rucksack und die herrliche Aussicht bei totaler Windstille.
Die Abfahrt im körnigen Sulzschnee bis zur Leglerhütte war traumhaft. Allerdings hatten wir etwas Verspätung auf die Marschtabelle. Alle Gäste, so schien uns, waren schon unterwegs ins Tal. Dank dieser Verspätung hatte eine Skifahrerin grosses Glück im Unglück. Für Molli, mich und weitere vier Skifahrer bedeutete dies allerdings viel Schweiss, Kraft und schliesslich riesiges Glück.
Nach einer kurzen Pause fuhren wir gleich wieder los und bald erreichten wir den im Tourenführer notierten Steilhang.

Doch was war da weit unten im Schnee? Eine Frau stand neben einer Skifahrerin, die im Schnee lag. Rasch fuhren wir zu den beiden hinunter. Die Verletzte hiess Annemarie und hatte starke Schmerzen in einem Bein.
Was ist zu tun in einer solchen Situation hoch über dem Tal? Weit und breit kein SOS-Telefon und kein roter Rettungsschlitten für den Abtransport? Soll Molli oder ich in die Leglerhütte zurücksteigen – ca. 1 ½ Stunden – und dort Hilfe holen oder soll einer von uns ins Tal fahren und die Rettungsmannschafft alarmieren? Beide Varianten hatten den Nachteil, dass Annemarie, die Verletzte, ihre Freundin Erika, Molli oder ich an Ort und Stelle über zwei Stunden, wenn nicht länger, hätten ausharren müssen. Deshalb be- schlossen Molli und ich, einen Notschlitten – ein Set, bestehend aus drei Metall-Querstegen, Skiriemchen und Seilen – zu bauen, das Molli immer auf Hochtouren in seinem Rucksack mitnahm. Das Montieren dieser Teile übten wir im Skiclub Kilchberg immer vor jeder Skisaison, um sie im Ernstfall rasch an den Skis befestigen zu können.


An den beiden Skis von Annemarie montierten wir an den Skispitzen den ersten-, an den Skibindungen den zweiten- und an den Ski-Enden den dritten Quersteg, sodass ein Schlitten mit zwei Kufen entstand. Mit Skiriemchen befestigten wir je einen Skistock an den Skispitzen und Skibindungen. Dann je einen weiteren Skistock an den Skibindungen und am hinteren Quersteg bei den Ski-Enden. Mit unseren Steigfellen umwickelten wir die Skistöcke auf der ganzen Länge. Darüber legten und befestigten wir den Schlafsack von Annemarie, sodass sie gut gepolstert darauf liegen konnte. Der Rucksack von Annemarie diente als Kopfkissen.
Schliesslich befestigten wir je einen zweiten Skistock an den beiden Skispitzen, sodass eine Art Deichsel entstand (siehe SOS-Rettungsschlitten).
An den Ski-Enden banden wir je ein dünnes, etwa 4 Meter langes Seil für die Bremser fest.
Das verletzte Bein von Annemarie fixiertenwirmit den kürzesten zwei Skistöcken, die wir mit Handtüchlein umwickelten. Dann deckten wir Annemarie mit Erikas Schlafsack zu und banden sie mit breiten Gurten – ebenfalls aus dem SET – auf den Schlitten fest.
Für die ganze „Montage“ brauchten wir nur eine halbe Stunde. Molli gab Annemarie zudem eine schmerzstillende Tablette aus seiner Notfall-Apotheke und bat Annemarie, sie möchte sich melden, wenn sie Druckstellen spüre oder wenn sie austreten müsse. Dann konnten wir starten. Molli stand vorne zwischen den beiden Skistöcken, lenkte den Notschlitten. Hinten hielten Erika und ich die Seile, um notfalls zu bremsen. So fuhren wir langsam und problemlos ein schönes Stück abwärts.
Danach mussten wir einen breiten, sehr abschüssigen Hang durchqueren. Wegen dieser extremen Steilheit konnten wir den Schlitten nur schrittweise schieben, denn Erika und ich mussten den Tal-Ski des Notschlittens auf die gleiche Höhe des Berg-Skis anheben, sonst wäre Annemarie aus dem Notschlitten gefallen.
Diese Traversierung kostete uns viel Zeit, allzu viel!
Wir waren immer noch weit oben über dem Tal und hatten grosse Zweifel, dass wir vor der Dämmerung im Kies ankommen können, um Hilfe zu holen.
„Es wäre doch besser gewesen, wenn einer von uns bis zur Leglerhütte aufgestiegen wäre, um die Rettungsmannschaft aufzubieten“, flüsterte mir Molli zu.
Doch welch ein Glück! Wie aus heiterem Himmel erschien plötzlich ein verspäteter Skifahrer. Und kurz darauf folgten drei weitere in unserem Alter. Wir waren wieder voller Hoffnung.
Nach dem Steilhang fuhren wir – hoch über riesigen Felsen – allerdings nur langsam abwärts durch einen dichten Wald mit Sträuchern, Richtung Kies. Als wir die Felspartie passiert hatten, stiessen wir auf eine sehr steile Waldschneise, die wir hinunterfahren wollten. Obwohl wir vier an Stelle von zwei Helfern zum Bremsen des Schlittens bestimmt hatten, missriet das Unterfangen völlig. Es endete beinahe mit einer Katastrophe.

Kurz nach dem Start stürzte ein Bremser und das Seil entglitt ihm. Dann stürzte ich und die andern zwei Bremser ebenfalls. Molli, ganz allein an der Spitze des Notschlittens, verlor ebenfalls das Gleichgewicht und der Schlitten sauste führerlos direkt auf eine mächtige Tanne zu. Zum Glück lag viel Schnee davor, sodass der Schlitten nicht frontal aufschlug, sondern am Stamm hoch fuhr und dann zurück glitt.
Der vordere Quersteg des Schlittens war allerdings gebrochen und konnte nicht mehr repariert werden. Der Notschlitten war nur noch Balast!
Wie durch ein Wunder erlitt Annemarie keine weitere Verletzung. Doch von da an mussten wir sie zu zweit – sie war recht gross und schwer – sitzend auf zweiSkistöcken, im knietiefen, nassen Sulzschnee tragen. Etwa alle 50 Meter wurden die „Träger“ abgelöst. Bei einsetzender Dämmerung kamen wir beinahe nicht mehr vorwärts. Wir beschlossen deshalb, einen Helfer ins Tal zu schicken, um die Rettungsmannschaft und einen Arzt aufzubieten. Gleichzeitig gaben wir ihm die Telefon-Nrn. von unseren Eltern, mit der Nachricht, dass wir bis auf Annemarie wohlauf seien, jedoch erst am Montagmorgen heimkehren können.
Es wurde stockfinster im dichten Wald. Dank den Taschenlampen der Skikameraden konnten wir die Marschrichtung einhalten. Nach etwa einer weiteren Stunde erreichten wir endlich den schneebedeckten Waldweg zum Kies. Etwas später blinkten die ersten Lichter der Rettungsmannschaft aus Schwanden zwischen den Bäumen. Die Männer hatten einen einen grossen Hornschlitten bei sich, auf den wir Annemarie, den defekten Rettungsschlitten und unsere Skis legen konnten.

Unendlich gross war unsere Freude, dass wir die Schlussetappe geschafft hatten. Im Kies standen drei Autos zur Abfahrt bereit. Nach etwa dreiviertel Stunden standen alle Helfer, sichtlich erleichtert, – Annemarie auf der Liege – im Arztzimmer. Die Diagnose lautete: Beinbruch.
Wir wünschten Annemarie baldige Genesung und nahmen Abschied von ihr und allen, die mit grossem Elan an diesem einmaligen Einsatz beteiligt gewesen waren.
Erst jetzt verspürte ich einen unbeschreiblichen Durst, wie nie zu vor in meinem Leben. Ich trank und trank. Kurz danach bezogen Molli und ich um Mitternacht ein Schlafzimmer im Hotel. Wir schliefen trotz feuchten Unterkleidern sofort ein.
Am Montagmorgen – schon um 5 Uhr – wurden wir geweckt, „fassten“ das von der Wirtin vorbereitete Frühstück, genossen, während wir mit dem ersten „Bummler“ nach Kilchberg fuhren, gemütlich Gipfeli, Brot, Käse, Dörrobst und Tee aus der Thermos-Flasche..
Um acht Uhr waren wir zu Hause und wechselten die Kleider. Molli fuhr mit dem Velo nach Adliswil in die Schreinerei Winkler (die Firma existiert noch) wo er eine dringende Verabredung hatte. Ich fuhr mit dem nächsten Zug nach Zürich-Wiedikon, dann zu Fuss ins Büro der Lithographie & Cartonnage AG (die Firma existiert nicht mehr) wo die Buchhalterin und ich am gleichen Vormittag für rund 70 Arbeiterinnen und Arbeiter den Zahltag abzählen und in Lohntüten abfüllen mussten (damals musste der Lohn, laut Gesetz, bar ausbezahlt werden).
Zwei Monate später konnte Annemarie wieder arbeiten. Sie dankte uns nochmals für unseren Einsatz. Ihrem Brief legte sie einen von ihr hergestellten Aschenbecher bei, mit der Widmung: „Den Rettern vom Kärpf“
Anhang:
Einen Touren-Rettungsschlitten bauen war ein „Kinderspiel“ von einer halben Stunde. Viel schwieriger, riskanter und zeitraubender (wir brauchten vor 70 Jahren rund 10 Stunden) erwies sich der Transport der verletzten Skifahrerin ins Tal mit einem solchen Schlitten. Heute, ja seit etlichen Jahren, kann dank dem Handy und der Rega ein Verletzter im Gebirge innert ein bis zwei Stunden ins Spital geflogen werden.